Donnerstag, 27. April 2017

Geschichten aus der Paartherapie II: Beutekinder

Peter und Sandra waren erst ein knappes Jahr zusammen, als sie die erste Stunde bei mir buchten. Peter hatte sich eine Paartherapie gewünscht, weil er nach einer gescheiterten langjährigen Beziehung dieses Mal von vorn herein Warnsignale ernst nehmen wollte, um nicht wieder irgendwann durch unnötige Missverständnisse vor den Trümmern einer Beziehung zu stehen.
Die Beiden verstanden sich im Grunde gut, waren gerade zusammen gezogen und glücklich in ihrer Zweisamkeit. Lediglich über einen Punkt gerieten sie immer wieder in Streit:

Peter hatte aus einer mittlerweile geschiedenen Ehe 2 Kinder, 14 und 17 Jahre alt. Während die 17 jährige Tochter die Trennung der Eltern und die neue Frau an der Seite ihres Vaters akzeptiert hatte, weigerte sich der 14jährige Sohn Elias strikt, Sandra kennenzulernen geschweige überhaupt anzuerkennen, dass sie da war. Er verweigerte jeden Kontakt zu ihr und bestand darauf, dass Sandra das Haus verließ, wenn er zu Besuch kam. Peter hatte diverse Male versucht, die Beiden zusammenzubringen, aber als Elias androhte, den Kontakt zum Vater abzubrechen, beschloss Peter, die Forderungen seines Sohnes anzuerkennen und ihn ohne Sandra zu treffen. Da er mit seiner Exfrau kein gutes Verhältnis hatte, war ein Treffen dort nicht möglich. So bat er Sandra, bei anstehenden Treffen mit Elias zu gehen und ihm ein Treffen im neuen Zuhause zu ermöglichen.

Sandra weigerte sich und erwartete von Peter Loyalität. "Wenn du wirklich zu mir stehen würdest, dann würdest du diese Spielchen nicht mitspielen. Er ist alt genug um zu verstehen, dass Paare sich trennen, und wenn er das nicht akzeptieren will, dann muss er das eben spüren. Du musst ihm zeigen, dass du mich liebst und dass es Dich nur mit mir gibt!"

Peter fühlte sich überfordert. Natürlich liebte er Sandra, aber seinen Sohn wollte er nicht verlieren. Immer wieder gerieten sie darüber in Streit, besonders heftig an Feiertagen, wenn sie an den Kindestreffen teilnehmen wollte, weil sie in ihren Augen nun eine neue Familie bildeten und sie solche Feste gemeinsam begehen wollte.

In unserer Stunde dauerte es nicht lange bis die Wut aus ihr herausbrach und sie Peter mit Vorwürfen überschüttete. "Du stehst nicht zu mir, Du lässt zu, dass Elias sich zwischen uns stellt!" Peter bat um Zeit für Elias, er werde sich schon arrangieren, nur könne er es eben jetzt noch nicht. Er übernahm Partei für seinen Sohn und versuchte immer wieder Sandra dessen Verhalten zu erklären.

Ohne Zweifel eine schwierige und für die Beziehung belastende Situation. Sandra fühlte sich offensichtlich nicht zugehörig, - und in der Vater-Sohn hatte sie damit auch Recht.

Aber: Das bedeutet nicht, dass Peter seinen Sohn zwingen kann, Sandra zu akzeptieren. Und es kann nicht bedeuten, dass Peter sich von seinem Sohn lossagt.

Bei einer Trennung der Eltern bricht für Kinder oft die Basis ihres bisherigen Lebens weg. Sie verstehen nicht, dass die Eltern sich trennen, lieben beide und möchten beide zusammen erleben. Wenn dann noch ein neuer Partner erscheint, kann ihr System ganz aus den Fugen geraten. Oft wird dann der neue Partner zum Sündenbock für die Trennung stilisiert. Hier gilt es, behutsam mit der verletzten Seele des Kindes umzugehen. Behutsamkeit heißt, Zeit zu geben, als Elternteil präsent zu sein und so gut wie möglich aufzuzeigen, dass das Paarsein ein Ende hat, aber man als Vater oder Mutter weiterhin für sein Kind da ist. Das Kind ist verletzt und braucht Zeit, um zu erkennen, dass die Eltern sich, aber nicht es verlassen haben. Ein Kind braucht Zeit, um Vertrauen in die neue Situation aufzubauen.

Scheinbar ist Elias´ Schmerz sehr groß, zu groß, um sich schon auf eine neue Frau an Vater´s Seite einzulassen. Sandra interpretiert Peter´s Eingehen auf seinen Sohn als Illoyalität ihr gegenüber, sie ist in diesem Fall mehr bei ihren eigenen Bedürfnissen, als den Schmerz des Kindes anzuerkennen.
Wenn Sandra eine Zukunft mit Peter möchte, muss sie begreifen, dass Vater und Sohn noch zu sehr mit ihrer eigenen, verletzten Beziehung beschäftigt sind, als jetzt schon zu  - einer neuen - Normalität übergehen zu können.

Die gute Nachricht: Es hat mit Sandras Liebesbeziehung zu Peter nichts zu tun. Er liebt sie und möchte trotz Elias´ Ablehnung diese Beziehung mit ihr führen. Aber anstatt um Verständnis für Elias zu werben, sollte er ihr zeigen, dass er ihren Schmerz versteht. Jedes Mal, wenn er Sandra erklärt, wie Elias denkt und fühlt, bestärkt er Sandra in ihrem Gefühl, nicht dazuzugehören. Ein Satz wie "Ich kann mir vorstellen, dass das schlimm für Dich ist" wird ihr das Gefühl geben, dass er auch in dieser schwierigen Situation an ihrer Seite steht. Erst dann wird sie aufhören können "Elias oder ich" zu fordern und den Konflikt dort einordnen, wo er hingehört: zu Peter und seinem Sohn.












Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen