Die nächsten Posts werden von der Liebe handeln....passend zum Frühjahr und der Hoffnung, die Liebe lebendig zu halten, werde ich von - natürlich verfremdeten - Beispielen aus meiner Praxis erzählen. Vielleicht bekommt der/die eine oder andere ja einen Anstoß, Dinge in der eigenen Beziehung anders zu sehen....und zu machen.
In dieser Woche durfte ich mit einem Paar arbeiten, dass einen besonderen Eindruck bei mir hinterlassen hat. Sie sind seit 20 Jahren verheiratet, haben 2 Kinder und ihren Alltag gut arrangiert. Und genau da beginnt auch schon das Problem: Sie funktionieren wunderbar miteinander, als Mama und Papa, als Freund und Freundin, als Team, das den Alltag wuppt - leider nur nicht mehr als Mann und Frau. Beide vermissten die Nähe und Intimität. Aber beide hatten in der Vergangenheit leider nicht geschafft, ihre Bedürfnisse zu äußern, sondern sie in Vorwürfen wie
"Du hast Augen und Ohren für alle anderen, nur nicht für mich!"
oder
"Dir kann man ja auch nichts recht machen...!"
versteckt.
Daraus war natürlich keine Nähe entstanden, sondern ein Machtspiel. Mit WIR hatte das nichts mehr zu tun, hier waren zwei ICH´s, die für ihre Sehnsüchte kämpften. Beide fühlten sich vernachlässigt, vom Partner nicht gesehen, und anstatt zu sagen
"Du fehlst mir, ich fühle mich allein" versteckten sie ihre Einsamkeit in Vorwürfen.
Das ging bereits eine ganze Zeit so. Auslöser für die Paartherapie war, dass die Frau eine Affaire mit einem Arbeitskollegen begonnen hatte und diese nicht aufgeben wollte, weil sie dort endlich die Aufmerksamkeit bekam, die ihr so dringend fehlte.
Er wollte wieder zu zweit sein, sie schauen, ob und mit wem sie zu zweit sein wollte.
So saßen die beiden also tieftraurig vor mir, einsamer als je zuvor und ohne Idee, ob und wie es weitergehen könnte.
"Wenn du mich besser verstehen würdest, wäre das alles gar nicht passiert...."
und
"Du hast gar kein Recht mir Vorwürfe zu machen, du hast mich betrogen und bist schuld an der ganzen Misere....."
So flogen die Anschuldigungen direkt zu Beginn der Stunde hin und her.
Ich unterbrach die Beiden:
Wenn ein Partner eine Außenbeziehungen beginnt, hat immer auch der andere Partner etwas damit zu tun. Man sagt, es gibt einen unausgesprochenen Vertrag zwischen zwei Partnern, dass ein Dritter dazukommen kann.....Aus der Zweierbeziehung wird dann eine Dreiecksbeziehung zu der Frau, Mann und Geliebter bzw. Geliebte gehören. Und entweder wird dieser Status eingefroren und das Paar lebt - oft unbewusst - zu dritt, oder die Situation explodiert. Die Explosion kann das Ende bedeuten oder einen Anfang. Von daher kann diese "Störung" von außen auch - trotz aller Verletztheit und Kränkung - eine qualitative Verbesserung für die Beziehung bedeuten - wenn das Paar bereit ist, sich mit sich und seiner Paarentwicklung auseinanderzusetzen.
Huh....Das wollte der "Betrogene" natürlich gar nicht hören, zu logisch war es für ihn, dass seine Frau mit ihrem "Fremdgehen" die Schuldige sei. Nicht er hatte sich etwas zuschulden kommen lassen, sondern ganz klar sie.
Es war schwierig die Beiden aus dem vorwurfsvollen "Du, du, du" herauszubekommen, aber irgendwann schafften sie es, über ihre eigenen Bedürfnisse in der Ich-Form zu sprechen.
"Ich fühle mich so allein, überhaupt nicht wichtig, ob ich mich schön anziehe, ob ich etwas sage oder nicht, alles scheint Dir egal zu sein. Solange ich funktioniere und den Laden am Laufen halte ist alles gut, wenn etwas nicht läuft, dann wird das kritisiert. Ich fühle mich überhaupt nicht gesehen in all dem, was ich tue." Es brach aus ihr heraus, sie begann zu weinen und auf die Frage, welche Gefühle dieses Nicht-gesehen-werden in ihr auslösten, antwortete sie "Einsam, ungeliebt, wertlos".
Durch ihre Offenheit begann auch er zu sprechen und erzählte, dass er das Gefühl habe, nichts richtig zu machen....er habe sich daraufhin immer mehr zurückgezogen, artig mitgemacht, eher reagiert als agiert. "Ich habe das Gefühl, dass ich es nur falsch machen kann, und bevor ich was Falsches sage oder tue, mache oder sage ich lieber gar nichts, um nicht wieder Vorwürfe zu ernten."
Es wurde klar, dass beide einsam sind und verzweifelt versuchten, sich aus dieser Einsamkeit zu befreien. Sie hatten zwar ihre Codes gesandt, die Botschaft aber war nicht angekommen:
Code: Botschaft:
Du hast nur deinen Job im Kopf! Ich würde gern mehr Zeit mit Dir verbringen.
Du hast nur Augen und Ohren für andere. Ich möchte Dir nahe sein.
Als die beiden begannen, ehrlich zu sagen, was sie fühlen und was ihnen fehlt, da wurde klar, dass sie sich den Schmerz gegenseitig gar nicht antun wollten. Sie hatten nur einfach keine andere Form gefunden, ihre Bedürfnisse zu äußern.
Vorwürfe machen war sicheres Terrain, wenn sie offen geäußert hätten, wie es ihnen geht und wie einsam sich sich fühlen, dann hätten sie sich schwach und verletzbar gemacht.
Natürlich fand er sie noch schön und interessant, aber das zu zeigen war ihm nach all den Streitigkeiten unmöglich. Das hätte ihr ja noch mehr Macht über ihn gegeben, hätte ihn noch kleiner gemacht, als er sich eh schon fühlte. Und durch seinen Rückzug klagte sie noch mehr, weil sie sich natürlich immer weniger gesehen fühlte. Dadurch zog er sich noch mehr zurück....der Teufelskreis nahm seinen Lauf....
Berührt durch ihre gegenseitige Offenheit kamen sie langsam wieder ins Gespräch - als Mann und Frau. Auf die Frage, was jeder für sich aus der Sitzung mitnehme, antworteten beide, dass sie den Anderen in ihrem Konflikt gar nicht gesehen hätten - keinem von beiden war klar, was sein Verhalten beim Gegenüber auslöste. Und beide reflektierten, dass sie genau das Gegenteil von dem erzeugt haben, was sie wollten.
Hinaus ging noch kein Paar. Aber zwei Menschen, die wieder über sich und was sie sich wünschen ins Gespräch gekommen sind. Ein großer Schritt, vielleicht der Wichtigste, um sich konstruktiv miteinander auseinanderzusetzen.
Und fällt Dir etwas auf? Wir haben gar nicht über ihre Affaire gesprochen....
Samstag, 22. April 2017
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