Jens und Sylvia, beide Mitte 40, kamen vor einem Jahr zu mir und um es nett zu sagen, sie kamen damals nicht als Paar, sondern als 2 Personen, die sich, na, ich nenne es mal so: nicht mochten. Dabei waren sie schon seit 25 Jahren zusammen, kinderlos.
Damals rückten sie die Sessel erstmal auseinander und drehten sie beide so, dass sie sich nicht anschauen mussten.
"Er ist so spießig, ich kann es kaum aushalten, ein Pedant vor dem Herren!" brach es direkt aus ihr heraus, er konterte sofort, was für eine verantwortungslose Chaotin sie doch sei....ok, die Fronten waren schnell klar.
Wir haben im Laufe des vergangenen Jahres viel an dieser Gegensätzlichkeit gearbeitet, er war ein sehr strukturierter, auf Formalitäten und Planungen Wert legender Mann, während ihr die Freiheit, Dinge spontan zu entscheiden und auch einmal umzuwerfen, sehr wichtig waren. Was beide zu Beginn ihrer Beziehung am anderen als sehr wertvoll angesehen hatten, war nun genau ins Gegenteil umgekehrt.
Häufig verlieben sich Paare in ihr Gegenteil, sprich Typen, die sehr gegensätzlich sind, finden beim jeweils anderen genau das, was sie selbst nicht haben. Der sehr nahe, bezogene Mensch sucht eher einen kühlen, rationalen Typen, weil er dort eine Rationalität und Stärke findet, die ihm selbst fehlt. Der Kühle findet in dem sehr gefühlorientierten Gegenüber eine Wärme, die er selbst nicht hat.
Menschen die sehr strukturiert sind, verlieben sich häufig in Menschen, die sehr spontan und unabhängig sind, bekommen sie doch dort die Lebendigkeit, die ihnen sonst fehlt. Umgekehrt bekommt der Spontane bei dem Strukturierten Halt und Sicherheit, quasi den ruhigen Pol in seinem Leben. Man sagt, erst verlieben wir uns in die Andersartigkeit unseres Gegenübers, nach 5 Jahren jedoch streiten wir genau deshalb. Dann stört zum Beispiel auf einmal die Bezogenheit, wird als Anhänglichkeit und Belastung wahrgenommen, der Spontane empfindet den Strukturierten als zu engstirnig und nennt ihn gern mal Bremse oder Spießer. Was also zu Beginn als Bereicherung empfunden wird, entwickelt sich zu einer echten persönlichen Belastung.
Jens und Sylvia hatten jede Menge Streitpunkte, in denen sie sich bekämpften und die Haltung des Anderen als unakzeptierbar bezeichneten. In vielen Sitzungen erarbeiteten die beiden sich, wieder Respekt für den Partner in seiner Andersartigkeit zu empfinden und diese nicht als Bedrohung der eigenen Position zu sehen.
Du darfst so sein, ich darf anders sein, und beides ist ok. Wir dürfen den Anderen so lassen und besprechen, wie wir in unserem Alltag ob dieser Unterschiedlichkeit einen gesunden Kompromiss im Umgang mit den Dingen finden.
Nach 11 Monaten harter Arbeit hatten wir genau dieses Ziel erreicht. Die letzte Stunde nahte und ich wollte das Thema Sexualität ansprechen, denn über all diese Auseinandersetzungen war das Thema auf der Strecke geblieben, sie waren schon lange nicht mehr intim miteinander gewesen.
Heute war also diese letzte Stunde, mein Thema für diese Sitzung war klar..... es klingelte, ich öffnete die Tür und vor mir standen 2 strahlende, verliebte, händchenhaltende Menschen.
Dieses Strahlen aufgreifend eröffnete ich die Stunde mit den Worten: " Es ist schön, Sie so strahlend verliebt zu sehen....wollen wir heute über das Thema Sex sprechen?" Sie lachten und erklärten mir, dass sie gerade aus Rom zurückseien und ein wunderschönes Wochenende hinter sich hätten....das Thema war kein Thema mehr.
Ok, Planänderung, noch einmal reflektieren, was wir alles erarbeitet haben und dann blieb mir, sehr dankbar, dass ich die Beiden bei diesem Prozess begleiten durfte, nur noch eins: Alles Gute!
Nicht immer enden Paartherapien so, aber wenn es dann so gelingt, ist die Freude bei allen Beteiligten groß, auch bei mir als Therapeutin.
Freitag, 28. April 2017
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