Montag, 21. Dezember 2009

Als Opfer habe ich keine Chance.

Noch 3 Tage bis Weihnachten, bin ich froh, dass ich fast alles zusammen habe - ich war heute kurz in der Stadt und ganz schnell wieder weg. Nicht auszuhalten, soviele Menschen, solange Schlangen vor den Kassen..... total unentspannt. Also bin ich schnell wieder in heimische Gefilde, da war es zwar auch voll, aber in viel erträglicheren Dimensionen.

Heute habe ich viel über Selbstbewußtsein und Opfer-sein nachgedacht.

Ich habe mit einer Freundin gesprochen, die zwar mit ihrem Mann zusammen ist, aber seit Jahren einen 2-Fronten-Krieg mit ihm führt. Die beiden sind schon urlange zusammen, kinderlos und haben vom Studium bis heute 25 Jahre zusammen verbracht. Scheinbar nicht ohne Wunden, denn sie klang ganz verbittert, als sie mir von ihm erzählte. "Er ist voll auf Kontrolle, hat nur seinen Körper im Kopf, was er wann isst und wann er den passenden Sport dazu macht..... meine Wünsche spielen gar keine Rolle und er hat mich immer, wenn es für mich schlecht lief, im Stich gelassen."
Sie erzählte mir Beispiele, die tatsächlich nicht schön zu hören waren, keine Frage, das hätte mich auch verletzt.

Als ich genauer nachfragte, bemerkte ich, dass ihre Beispiele von gerade passiert bis zu 8 Jahren zurück reichten. Sie hörten sich alle topaktuell an, aber scheinbar litt sie schon lange und immer noch unter bereits vergangenen Vorfällen.

Das wunderte mich, denn eine Sache ist, sich verletzen zu lassen, eine andere ist, über welchen Zeitraum.
"Habt Ihr schon mal darüber gesprochen, weiss er, dass du darunter leidest? Wenn es trotzdem nicht besser wird, warum tust Du Dir das an - schon solange?"
Das konnte sie mir nicht beantworten, sie hatte nur schon wieder ein neues Beispiel parat, was er nach einem solchen Gespräch zu ihr gesagt hatte.

Wenn ich für mich sorge, dann achte ich darauf, dass mich mein Partner nicht ständig verletzt. Wenn er das möchte, dann ist er nicht der Richtige. Wenn er das nicht möchte und es seiner Meinung nach auch nicht tut, dann schaue ich auch bei mir, ob ich überreagiere und Dinge möglicherweise anders sehen kann und sollte.

Wenn er das nicht möchte, aber trotzdem tut, dann weise ich ihn darauf hin und - wenn er es bereut- verzeihe ich. Denn wenn ich alle Verletzungen sammele, dann hat der andere keine Chance, denn ich halte ihm diese Verfehlungen immer wieder - wenn auch manche unausgesprochen - vor. Wenn ich verletzt wurde und das nicht abgelöst bzw. verziehen habe, dann kommen schnell Rachegefühle auf, dann will ich den anderen auch leiden sehen und schlage zurück. Dann bin ich in der Opferhaltung, hilflos und anklagend. Aus dieser Haltung heraus interpretiere ich ganz viele Verhaltensweisen meines Gegenübers gegen mich und je länger es dauert, desto mehr. Wenn sich diese Rolle des Opfers verfestigt, dann bin ich die Kleine, die sich wehren muss, um nicht noch kleiner zu werden, um nicht noch mehr Opfer zu sein. Ich wehre mich gegen vermeintliche neue Verletzungen, die ich natürlich auch in fast allen Verhaltensweisen erkenne. Mit Argusaugen schaue ich, was der andere tut und ob es gegen mich gerichtet ist. Und natürlich interpretiere ich es als "gegen-mich-gerichtet", denn der andere, der handelt, ist der Täter, und so sehe ich das, was er tut als Taten - meist gegen mich.

Wenn ich den anderen auf etwas aufmerksam mache, was er mir angetan hat und er ist bestürzt und bittet mich um Entschuldigung, dann kann ein Verzeihen auch mich befreien. Wenn ich daran festhalten würde unser Opfer-Täter-Spiel weiter zu spielen, dann kann ich mich nicht befreien, dann bleibe ich in dieser Verletzung (und auch in neuen) gefangen. Und als kleines, hilfloses Opfer nehme ich mir dann selbst die Kraft, für mich zu sorgen, Entscheidungen für mich zu fällen und unabhängig zu sein.

Das erklärt, warum meine Freundin, wenn es so war, sich nicht getrennt hat.
Sie konnte gar nicht.

Um zu schauen, was sie will und was wirklich in ihrer Beziehung los ist, muss sie erstmal schauen, wer sie ist, was sie will und was sie nicht will. Und sie muss wirklich auf sich schauen, denn wenn sie etwas nur als Reaktion auf seine Wünsche will bzw. nicht will, dann ist sie nicht frei, dann handelt sie abhängig von seinem Verhalten, aus Trotz. Erst wenn sie fühlt und weiss, was sie selbst will, dann kann sie reagieren. Erst wenn sie sagt, das verletzt mich, lass das, kann sie a) sehen, was er dazu denkt und b) wie er darauf reagiert. Und dann kann sie schauen wie sich das anfühlt. Und ob sie ihm verzeiht oder nicht.

Meine Freundin wusste erst gar nicht, was sie selbst wollte, sie hatte sich so auf ihren Partner eingeschossen, dass sie ganz viel von ihm erzählen konnte, aber nichts zu sich. Aber ich glaube, sie hat es verstanden, denn sie wollte ihn gleich heute ansprechen und das Thema mit ihm besprechen - ob er das eigentlich weiss, was er dazu denkt......jetzt kann es so oder so weitergehen....aber: es geht weiter.






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