So erzählte sie mir damals, dass ihre von mir gelobten Fähigkeiten, Menschen zu verbinden, Beziehung herzustellen und ihre Aufgeschlossenheit anderen und neuem gegenüber absolut nichts Besonderes seien und dass die Eigenschaften ihres Kollegen, der aufgrund seines Geschickes Karriere gemacht hatte, doch viel wichtiger und entsprechend höher zu bewerten seien.
Privat kam sie sich klein vor, wenn sie ihren Sohn bei Eltern abholte, die in einem großen, stylischen Haus leben, illustre Menschen kennen und "so locker" sind. Ihr Partner sei auch viel geschickter als sie, weiß einfach viel mehr und wenn nicht, dann würde er es sich aneignen - dadurch fühle sie sich dann wieder kleiner.
Ich habe sie ein paar Mal gefragt, wie sie sich selbst beurteilen würde, wenn sie sich mal tagsüber oder einfach bei so einem Gespräch mit den coolen Eltern beobachten würde.
Sie konnte zwar sehen, dass auch sie etwas zu sagen hatte, sie erkannte auch, dass sie scheinbar einigen Menschen wirklich gut tat und empathischer war als manch anderer - fand das aber nicht besonders, sondern erwartete das von sich.
Mein Reden, dass das durchaus eine besondere Eigenschaft sei, verhallte. Und da machte ich ihr den Vorschlag, doch mal jeden Tag aufzuschreiben, was sie an einem Tag gut gemacht habe. Egal was, und wenn es leckere Lunchbrote für den Sohn waren.
Heute sprachen wir nach einigen Wochen mal wieder darüber, und ich bekam den Mund nicht zu:
"Ich habe mich bei der Weihnachtsfeier beobachtet und schon gemerkt, dass ich diejenige war, die die obere Tischecke unterhalten hat. Ich konnte auch Dinge erzählen, die die anderen nicht kannten oder wussten und ich merkte, die fanden das interessant!"
Phantastisch, ich bin begeistert, sie kann sich einschätzen und Positives über sich wahrnehmen.
"Als ich bei den Eltern von xy war, Du weisst schon, die mit dem großen Haus, da habe ich gemerkt, dass die Frau ganz schön gern und viel erzählt. Vor allem über Künstler, die sie kennt, über die redet sie mit Vornamen - ich glaube, die profiliert sich darüber. Und ich habe gemerkt, ich habe ja auch was zu bieten. Zwar keine illustren Freunde, aber was wir machen, ist auch echt gut, zwar anders, aber nicht weniger..."
Das war es. Sie hat es verstanden. Sie war raus dem Vergleich, raus aus dem andere als besser ansehen und sich selbst klein machen.
Und da war sie durch das kleine Tagebuch hingekommen, denn sie merkte, dass sie jeden Tag etwas Positives über sich aufschreiben konnte - wenn sie es allein nicht schaffte, weil sie es als selbstverständlich annahm, dann hat sie versucht aus neutraler Brille zu schauen: Was würden andere sagen, was war heute gut? Und da war ihr immer etwas aufgefallen... und über die Wochen hatte das zu einem Sinneswandel geführt.
Sie strahlte, denn natürlich fühlte sie sich besser, und ich freute mich auch.
Entwicklung geht. Wenn man, oder in diesem Fall Frau, will.
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