Eine Freundin von mir übt gerade Verantwortung abzugeben, nicht alles an sich zu reißen und einfach mal auszuprobieren, ob andere nicht auch Aufgaben lösen können...bisher ist sie fest davon überzeugt gewesen, dass sie alles tun muss, damit es auch tatsächlich getan wird.
Sie gibt nun Aufgaben ab und wenn neue reinkommen, dann reisst sie diese nicht sofort an sich. Das fällt ihr schwer, denn sie hat echte Sorgen, dass einige Projekte dadurch wackeln und schief gehen könnten. Das sind aber schon mal 2 verschiedene Dinge, Verantwortung abgeben und sicherzustellen, dass Aufgaben gut erledigt werden. Wir haben gemeinsam überlegt, wie sie das lösen kann: Verantwortung abgeben und trotzdem unterstützend oder als Teamplayer zur Seite stehen.
Die Antwort fiel ihr schwer, sie hatte es schon mal versucht mit: "Könnte ich dir irgendwie helfen?" oder "Brauchst Du Hilfe?" und jedes Mal ein Nein gehört. Am Ende war das Ergebnis, mit dem sie dann weiter arbeiten musste, fehlerhaft und nicht optimal, so dass sie selbst noch mal daran gearbeitet hat.
Sie verstand nicht, warum die Kollegen sie nicht um Hilfe gebeten haben, obwohl sie diese doch angeboten hatte. Hatte sie wirklich?
Ihre Art der Fragestellung ist nicht verbindlich und trifft nicht den Punkt, also nicht das, was sie eigentlich sagen wollte.
Wenn sie nicht hätte nett sein wollen und keine Angst hätte, dem anderen zu nahe zu treten, dann hätte sie gesagt: "Du, letztes Mal ist bei dem Projekt das und das schief gelaufen. Da ich danach das Finetuning machen musste und Du für Korrekturen nicht mehr erreichbar - weil bereits im Urlaub - warst, möchte ich dieses Mal sichergehen, dass das besser läuft und mit Dir gemeinsam in Zwischenschritten das Procedere abstimmen."
Für diese Klarheit hat sie nicht gesorgt. Stattdessen hat sie einfach gefragt "Könnte ich....." - woraufhin die Kollegin nur hilflos mit den Schultern gezuckt hat, "nein, ich mach das schon..." gemurmelt hat und dann wieder zum Alltagsgeschäft übergegangen ist. Klar, konnte sie auch, sie hat ja die Mehrarbeit und die Folgen ihrer Schludrigkeit (wahrscheinlich) nicht zu tragen. (Und ein Schelm ist, der Böses dabei denkt und vielleicht unterstellt, sie nutzt meine Freundin aus, weil sie weiss, dass die das schon wieder ins Lot bringt...)
Meine Freundin hat mit dem Versuch, nett oder diplomatisch zu sein, wie sie es nennt, ihre Aussage so weichgespült, dass sie mit einem kurzen Nein weggewischt werden konnte. Das stecken 2 Fallen drin: sie kommuniziert nicht klar ihre Wünsche und kommt entsprechend nicht zum Ziel. Sie redet um ihr Bedürfnis herum, benennt es nicht. Und damit sind wir bei der 2. Falle: Sie ist auch für ihr Gegenüber nicht greifbar, weil sie sich windet und wendet und nicht klar sagt, was sie will. Damit ist jede Verbindlichkeit dahin, für beide Seiten. Meine Freundin kann nicht die Qualität des Projekts sichern und sie bringt ihre Kollegin nicht in die Verantwortung dafür.
Viel besser wäre, klar zu äußern, was ich möchte und was mein Gegenüber damit zu tun hat. Das ist viel zielführender, ehrlicher und am Ende auch wertschätzender als der Versuch, nett zu sein.
Nett sein ist wie Brei, und einen Brei kann man nicht greifen.
Der zerfließt zwischen meinen Fingern....und macht am Ende nur mehr Arbeit.
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