Charlotte, so heisst sie, war immer schon sehr wechselhaft. Eigentlich lustig, nett, etwas scheu, und dann wieder kratzbürstig, überempfindlich, fast um sich schlagend. Damals, als wir zusammen gearbeitet haben, war das manchmal richtig anstrengend, denn es reichte ein falsches Wort und ab ging die Rakete.
Heute war sie gutgelaunt, ja, machmal etwas nachdenklich, aber ok. Sie arbeitet auch frei, hatte aber die Stunden reduziert, weil sie, wie sie es nannte, gerade ein Seelen-Sabbatical macht. Was das ist? Ja, das habe ich auch gefragt.
Sie kümmert sich dieses Jahr nur um sich, schaut was sie braucht um im Gleichgewicht zu sein und arbeitet dann daran. Das hört sich ja erstmal gut an und ich fragte genauer nach, denn ein Jahr ist lang, da kann man ja wunderschöne Dinge für sich tun.
Sie hatte wohl selbst gemerkt, dass ihre Wechselhaftigkeit anstrengend ist, sowohl für sie als auch für andere, und hatte ihm Rahmen einer Verhaltenstherapie versucht daran zu arbeiten. Mit der Verhaltenstherapie hatte es nicht so gut geklappt, denn danach kam sie zu dem Schluß, dass sie erstmal genau wissen müsse, warum sie sich denn so verhalte und erst danach könne sie sich wirklich ändern. Also hatte sie an die Verhaltens- eine Gesprächstherapie gehangen, und - als immer noch keine Änderung eintrat - war sie jetzt seit in paar Monaten in der klassischen Psychoanalyse.
Mein Gott, was für ein Programm, war meine erste Reaktion. Aber ich wollte nicht voreilig sein.
Na, genau darauf antwortete sie nicht. Geholfen hat es ihr wohl noch nicht so richtig, denn sie konnte all ihr Wissen über sich nicht in Verhaltensänderungen umsetzen. Stattdessen wühlte sie in ihrer Vergangenheit und blieb immer wieder in einzelnen Matschbergen stecken.
Und das war die Crux: das Wissen über Dinge, die ich erlebt habe, entbindet mich nicht von der Anstrengung, mein Verhalten zu ändern. Verhaltensänderung passiert nicht automatisch, sondern ist trotz allem Wissen ein gewollter Prozess voller Übungen, Rückschläge und wieder neuen Versuchen. Es besteht also keine Parallele zwischen Einsicht und Handeln, ich muss nicht das Warum verstehen, um das Was zu ändern.
Manchmal kann es helfen, eigene Strategien zu verstehen, zu wissen, warum sie in bestimmten Phasen sinnvoll waren und warum ich sie heute möglicherweise nicht mehr brauche. Dieses Wissen kann eine Unterstützung zur Verhaltensänderung sein, es ist aber keine Bedingung.
Es ist sinnvoller zu schauen, was genau mich an meinem Verhalten stört, wann genau ich mir selbst im Weg stehe, was die Auslöser dafür sind und wie ich mich gern verhalten würde.
Zu schauen wie ich ein Problem ändern kann, ist also viel zielführender als zu wissen, warum ich dieses Problem habe.
Charlotte hatte diesbezüglich schon viel gemacht: sie wusste, was sie an ihrem Verhalten störte, sie wusste sogar warum sie sich so verhielt - sie wusste nur nicht, wie sich stattdessen verhalten wollte. Das haben wir dann beim Kaffee besprochen... und auch, wo sie diese Verhaltensweisen üben kann....ich glaube, ihr Sabbatical hat heute eine leicht praktische Wende genommen.
Raus aus dem Analysieren, hin zum Tun. Denn Ändern hat mit Handeln zu tun.
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