Samstag, 12. Dezember 2009

Sprich von Dir - Teil 1

Samstag vor dem 3. Avent. Otis wollte mit mir in die Stadt um mir mögliche Geschenke zu zeigen...Gott sei Dank ist er bei seiner Verabredung versackt und hat abgesagt. Heute in die volle Stadt, oh je. Jetzt vor Weihnachten finde ich es so ungemütlich voll dort, dass ich gar nicht shoppen gehen mag. Da bin ich lieber hier in meinem Viertel geblieben und habe vor meiner Tür eingekauft.

Das hatte sich Matilda, eine Freundin von mir aus Agenturzeiten, auch gedacht und wir trafen uns zufällig auf der Strasse. Da Püppi gerade schlief, Matilda nach Hause wollte und das für mich eine schöne Spazierwegstrecke war, sind wir ein Stück zusammen gegangen.

"Man weiss ja gar nicht, was man alles kaufen soll, soviel schöne Sachen gibt es. ....aber man kann ja auch nicht jedem etwas schenken.....es macht keinen Sinn, wenn man für Weihnachten sein Konto schröpft...." Matilda hatte wohl die Qual der Wahl, aber nach dem 5. Satz mit "man" unterbrach ich sie und fragte, wer ist eigentlich "man"? "Ja ich, aber man sagt das doch so....", da war es schon wieder.

Ja, viele sagen das so, aber man ist ein Füllwort, das von mir ablenkt. Wenn ich man sage, dann beziehe ich keine Stellung, dann übernehme ich keine Verantwortung für das, was ich sage und spreche schwammig. Man sind alle und keiner.

Matilda sagte dann, dass es ihr auch wenig unangenehm sei, weil man ja sonst denken könne, sie sei geizig, wenn sie mir erzählt, sie könne ja nicht allen etwas schenken...jetzt war also ich mit man gemeint, oder? Und auch das war ihr scheinbar unangenehm zu sagen, denn sie wollte mir ja nichts unterstellen.

Genauso wird man oft benutzt: in Situationen, in den ich unsicher bin, zu denen ich nicht richtig stehen kann oder nicht weiss, wie ich dazu stehen soll. Aber mit dem Gebrauch von man wird das nicht besser, nein, es wird noch unsicherer, weil ich wie ein Fähnchen verbal hin und her flattere.

Ich habe Matilda gesagt, dass sie doch eigentlich meinte: "Ich weiss gar nicht, was kaufen soll, die Auswahl ist so gross, ich könnte jedem was schenken, aber das möchte ich nicht, weil ich soviel Geld gar nicht habe...!" Sie stimmte mir zu, ja, das in etwa habe sie sagen wollen....und sie meinte, dass es sich bei mir gar nicht so schlimm angehört habe...eigentlich ganz nachvollziehbar.

"Aber man denkt eben..." da war es wieder....man ist schon so in unseren Wortschatz eingedrungen, dass es höchster Konzentration bedarf, nicht mehr man, sondern ich zu sagen.
Doch es lohnt sich, denn ich bezieht Position, ist greifbar und viel stärker als dass verwässernde man. Nur wenn jemand ich sagt, dann habe ich ein Gegenüber, wenn jemand man sagt, spreche ich nur mit dem Stellvertreter von...ja, von wem eigentlich?

Matilda hat sich bei unserem Spaziergang immer wieder verbessert, wir haben beim 5. Mal darüber gelacht und zusammen "man bin ich" gesagt....aber etwas Nachdenkliches hatte sie schon als wir uns trennten, denn ihr letzter Satz war: "Meinst du, man äh, ich will wirklich keine Stellung beziehen, wenn ich man sage? Das hieße ja, ich stehe nicht zu dem, was ich sage...."

Ja, das meine ich. Genauso.



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