Dienstag, 15. Dezember 2009

Man muss nicht die Zähme zusammen beißen!

Das Jahr ist fast vorbei, 1 oder 2 Wochen, die etwas ruhiger werden, stehen uns bevor - Zeit und die Möglichkeit, einmal durchzuatmen.
Ich arbeite auch schon weniger, obwohl gerade heute und morgen noch mal viel ansteht, aber insgesamt schalte ich einen Gang runter und lasse die letzten Tage des Jahres auf mich zu kommen. Das fühlt sich gut an, macht Luft und gibt auch Raum für Neues.

Mit diesem Gefühl ging ich heute auf den Markt und traf dort Lucia, eine Nachbarin aus früheren Zeiten. Lucia hat 2 kids, Mann und einen Job, der sie fordert, aber mit der Familie vereinbar ist. Wenn nicht gerade Familienthemen anstehen, die zusätzlich dazu kommen. So hatte sie 4 Wochen ihre Mutter zu Besuch, die krank war und regenerieren wollte bei ihr, davor hatte sie schon ihre Kinder jeweils für 1 Woche krank zuhause und als i-Punkt war ihr Mann in den letzten 3 Wochen nur gesamt 5 Tage da gewesen, also nicht wirklich als Unterstützer verfügbar.
Lucia sah müde aus, ausgelaugt und war gestresst.
Ich hatte unser Gespräch so begonnen wie ich mein Gefühl eingangs beschrieben habe, und sie lachte nur kurz ironisch auf, als ich "ausklingen" und "Luft haben" ansprach.

Das galt für sie nicht, sie hätte am liebsten 2 Wochen am Stück geschlafen, dann entspannt und würde dann langsam wieder ins Leben kommen. "Aber ich beiße die Zähne zusammen, ab Februar wird es besser..."
Ich wollte gar nicht wissen, warum es ab Februar besser wird - mich interessierte, warum sie meinte, die Zähne zusammen beißen zu müssen.
"Wer soll es denn sonst machen", "es geht ja nicht anders", das waren ihre Kommentare dazu und scheinbar sah sie wirklich keine andere Möglichkeit als sich selbst gnadenlos zu überfordern.

Was ist mit Deinem Bruder? Ach der hat auch soviel um die Ohren?
Was ist mit Deinem Mann? Ne, da ist im Geschäft soviel los!

Egal wer mir einfiel, es ging nicht, weil diejenigen zu beschäftigt waren.

Ich fragte sie, ob sie irgendjemand um Hilfe gebeten habe, oder ob sie irgendjemand gesagt hätte, dass es zu viel sei. Hatte sie nicht, eben weil alle anderen ja auch vermeintlich gestresst waren. Und weil sie das schon schaffe.....

Mein Kommentar dazu war, dass sie wahrscheinlich erst umfallen müsse, bevor sie sich erlaube, um Hilfe zu bitten.

Kein Mensch muss die Zähne zusammen beißen und durchhalten. Wenn es zu viel wird, an die Substanz geht, ich einfach darunter leide, dann darf ich um Hilfe bitte. Dann darf ich sagen, ich kann nicht mehr und andere mit in die Verantwortung ziehen.
Denn für die meisten Dinge, die uns passieren, sind nicht nur wir verantwortlich, sondern oft noch mindestens eine weitere Person.

Das kann mein Mann sein, denn für unsere Kinder ist er auch verantwortlich. Das kann der Bruder sein, denn für die Mutter ist er auch verantwortlich. Das kann die Freundin sein, denn für einen Freund kann auch sie etwas tun.... Kein Mensch muss alles Leid auf sich bürden und für andere tragen. Jeder kann fragen und andere Nahestehende mit einbeziehen.

Diese Bitte um Unterstützung ist keine Frage von Schwäche, nein, es ist klug, wenn ich meine Grenzen erkenne und mutig, wenn ich dann entsprechend für mich sorge.

Bei Lucia war es tatsächlich die Angst vor Unverständnis, sie nahm sich nicht wichtig genug und damit auch nicht ihre Belastung. Und sie war zu stolz, sie sah sich selbst als schwach an, wenn sie um Hilfe gebeten hätte. Deshalb bat sie nicht um Unterstützung. Und ich denke, sie wird es auch jetzt noch nicht tun. Aber sie wird nicht mehr lange können... und dann wird sie zur Ruhe gezwungen sein, einfach weil nichts mehr geht.

Vielleicht lernt sie daraus und wird beim nächsten Mal begreifen, dass ihr Wohlbefinden und innere Zufriedenheit wichtiger sind als ihr Stolz.
Und mindestens so wichtig wie die Belange der anderen, die auch helfen könnten.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen