Dienstag, 10. November 2009

Eigenlob stink nicht.

Heute habe ich mit einer Freundin telefoniert und wir sprachen über ihren Job, der momentan gar nicht gut läuft. Sie fühlt sich gelangweilt, unterfordert und merkt, dass sie morgens keine große Lust hat, dorthin zu gehen. Sie ist schon seit 8 Jahren in der Firma, scheinbar kommt nichts Neues mehr und sie fragt sich: "Soll es das jetzt gewesen sein?" Als ich sie fragte, was sie denn gern tun würde, bekam ich keine Antwort, denn sie wußte es einfach nicht. Das Problem war, dass sie nur in den Bahnen dachte in denen sie sich gerade bewegt, und das ist natürlich eine Sackgasse. Was mir aber auffiel: ich wollte wissen, was sie denn glaubt, was zu ihr passt, was sie besonders gut kann, vielleicht könnte man ja daraus etwas machen. Ich bekam keine Antwort, sie druckste herum, sagte aber nicht wirklich etwas. Ich hakte nach, machte Vorschläge, ich finde zum Beispiel dass sie extrem klar und strukturiert denken kann, sie begreift Zusammenhänge ganz schnell und kann diese dann auf die jeweilige Situation übertragen. Und das macht sie ganz charmant, so dass selbst unangenehme Zusammenhänge gar nicht so unagenehm wirken, wenn sie sie benennt. Genauso sagte ich ihr das, aber was passierte? Sie wollte es gar nicht hören, ja, nahm es noch nicht mal an. Sie wehrte ab, andere können das auch, das sei doch nichts Besonderes, daraus liesse sich doch nicht machen - kurzum, scheinbar hat das mit ihr nichts zu tun und wenn, dann ist es total gewöhnlich. Ich fragte sie, wieviele ihrer Kollegenn diese Eigenschaft auch hätten, "na, ne, nicht diese, aber dafür haben die andere Fähigkeiten ....." nach vielem Bohren und Nachhaken gab sie zu, dass das wohl eine Stärke von ihr sei und durchaus erwähnenswert. Aber sie konnte nicht einmal sagen. "Ja, das kann ich gut!" Ich sprach sie direkt darauf an und bekam meine Bestätigung. Eigenlob könne sie sich nicht selbst geben, das wäre ihr peinlich, das hört sich komisch an, wenn sie selbst so etwas über sich sage.

Ja, wieso denn? Klar, die meisten von uns haben gelernt, sich nicht in den Vordergrund zu drängen, eher kritisch mit sich umzugehen, sich nicht zu überschätzen - alles nicht falsch, aber wenn nur das allein gilt, dann ist es falsch. Natürlich ist es gut, mich kritisch zu betrachten und zu schauen, was ich besser machen kann. Aber es ist genauso wichtig zu wissen, was ich gut kann - nicht allein deshalb, weil mir das auch oft am meisten Spass macht - sondern auch, weil ich darin am besten arbeiten, beitragen und sein kann. Wenn ich mir nicht bewusst mache, was ich gut kann, dann bleibe ich immer unter meinen Möglichkeiten, dann kann ich meine Stärken, das, was ich gut kann, gar nicht ausnutzen, weil ich es mir nicht bewusst gemacht habe und entsprechend nicht verstärke. Dann komme ich nie zu meinem Höhepunkt, dann kann ich gar nicht meine persönliche Spitze erreichen, dann werde ich nie mein persönliches Potential voll ausnutzen können. Wenn ich mir nicht sage, darin bin ich gut, dann kann ich da auch nicht richtig drauf aufbauen, dann kann ich das, was in mir steckt doch gar nicht wirklich nutzen.
Und wieso fällt es uns so schwer zu sagen, ich bin ein guter Analyst oder Zuhörer oder oder? Weil wir es nie gelernt haben.

Ich habe es irgendwann mal geübt, da habe ich zuerst am Ende eines Tages immer geschaut, was mir an dem Tag gut gelungen ist. Klar fielen mir immer zuerst die Dinge ein, die ich hätte besser machen können - aber das wollte ich da nicht wissen, also habe ich weiter geschaut. Und ich habe jeden Tag etwas gefunden und es tat mir gut, das zu erkennen. Das Eigenlob stank nicht, im Gegenteil, es hat mir gut getan. Und als ich das ein bißchen geübt hatte, fiel es mir dann auch leichter auszudrücken, was ich generell gut kann, worin ich meine besonderen Fähigkeiten sehe.... das war dann quasi der nächste Schritt. Manche finden das immer noch seltsam, wenn ich sage, ich kann das oder das gut - aber sie merken, dass ich das ganz normal ausgesproche und es im Gesprächsverlauf Sinn macht, also keine Protzerei ist, sondern wichtig im Gesamtzusammenhang. Mir tut es gut zu wissen worin ich gut bin, darauf kann ich mich konzentrieren und es für mich nutzen - und das macht mir ein gutes Gefühl, weil es mein Selbstvertrauen stärkt. Und dadurch traue ich mich dann an Dinge, die ich (noch) nicht so gut kann, vielleicht kann mich da ja verbessern.

Meine Freundin fand das erst ganz komisch, irgendwann verstand sie aber, dass sie auf ihren persönlichen Fähigkeiten Ideen aufbauen kann, dass das vielleicht die Wegweiser für eine berufliche Veränderung sind - und dann sprudelte es zwar nicht aus ihr heraus, aber es fielen ihr doch ein paar Dinge ein, die sie auch benennen konnte. Das tat ihr sichtlich gut, denn das Genervte vom Anfang des Gesprächs war auf jeden Fall weg. Sie blickte nicht mehr zurück, sie überlegte, was sie denn mit ihren Fähigkeiten machen könnte..... das war schön zu hören und zu sehen... und es stank überhaupt nicht, im Gegenteil!

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