Dirk ist nämlich sehr intensiv, wenn er erzählt, kann ich mitfühlen, was er da sagt und es macht Spaß ihm zuzuhören. Heute jedoch war es anders. Er war irgendwie gestresst, wie unter Druck und er erzählte nichts von schönen Erlebnissen, sondern regte sich nur über alles mögliche auf. Jeder regt sich mal auf, aber das, was er da von sich gab, war schlechte Energie pur.
Er sagte in jedem 2. Satz "Ich hasse"....er betitelte Personen, über die er sprach als Vollidiot und mit Wörtern, die ich gar nicht aufschreiben mag. Er pauschalisierte, alle machten das immer so, alle waren total daneben und auffallend war, dass es immer die anderen waren, die Bockmist gebaut hatten. Ehe ich wußte, was mir geschah, hatte er mich voll in seine negative Stimmung hineingezogen. Meine gute Laune war weg, mein Leichtigkeit einer Schwere gewichen, die mich richtig runterzog. Ich versuchte noch, seine Erzählungen abzuschwächen, aber ich hatte keine Chance.
Er redete und redete und redete und versprühte eine Aggressivität, die ihresgleichen sucht.
Ich konnte es nicht mehr aushalten und schritt ein. Ich fragte ihn, ob er selbst merke, was da gerade bei ihm passiere - er verneinte überrascht. Ich erklärte ihm , dass ich Leidenschaft wunderbar finde, aber nicht, wenn sie völlig unkontrolliert ins Negative geht und alles und jeder in einer derart gewalttätigen Kommunikation abgekanzelt wird. Gewalttätige Kommunikation - ich? Er wusste gar nicht, was ich meinte.
"Ich hasse" ist ein unglaublich harter Ausdruck, was muss normalerweise passieren bis ich hasse? Ich kann es mir für mich gar nicht vorstellen, ich hasse nichts. Nichts weckt in meinem Leben so heftige Gefühle in mir, dass ich diesen Ausdruck gebrauche, nichts hat eine solche negative Macht über mich, dass ich ihm so ein intensives Gefühl widme. Es gibt keine Steigerung zu "Ich hasse" - ich fragte Dirk, ob wirklich alles, was er bis jetzt mit "ich hasse" tituliert hat, nicht mehr steigerungsfähig wäre. Er schwächte ab, nein, das wäre doch nur so ein Ausdruck, - und ich intervenierte. Das ist nicht nur so ein Ausdruck, das ist ein gesprochenes Wort. Und gesprochenes Wort gilt.
Jedes Wort, das ich ausspreche, ist in der Welt - mit einer positiven oder negativen Botschaft. Und jede Botschaft, ob positiv oder negativ, macht etwas mit mir, mit meinem Zuhörer, mit meiner Umwelt. Wer so spricht, hat einen hohen Aggressionspegel und hält sich selbst in einem negativen Grundzustand. Sämtliche Gefühle, Wahrnehmungen sind durch die Äußerungen negativ eingefärbt. Eine objektive Wahrnehmung ist mit dieser Grundstimmung schlichtweg nicht möglich.
Das ist die eine Seite, der Sprecher zieht sich selbst damit hinunter. Die andere Seite ist, dass er seinen Gesprächspartner dabei mitnimmt, es kostet enorme Kraft, sich solch eine Negativ-Kanonade zu widersetzen.
Dirk sprach mit Schimpfwörtern über andere Menschen, kanzelte sie ab und es war egal, ob er sie kannte oder ob sie nur eine Rolle in der Gesamtgeschichte spielten. Ich fragte ihn, warum er den Menschen so schlecht gesonnen sein - was haben die ihm alle getan, dass er so schlecht über sie sprechen muss?
Erst verstand er gar nicht, was ich meinte, aber als ich Beispiele nannte, wollte er wieder abtun als, "Du weisst doch, wie ich bin."
Nein, ich weiss nicht, wie Du bist, denn diese Art der Geringschätzung anderer Menschen ist mir total fremd.
Wenn ich so negativ über andere spreche, dann projeziere ich meine eigene Unzufriedenheit in diese Menschen hinein. Es gibt keinen anderen Grund per se so schlecht über Menschen zu sprechen. Wenn ich in mir ruhe, mit mir im Reinen bin, dann kann ich mit dem, was andere tun oder sagen, gelassen umgehen. Nur wenig kann mich dann so berühren, dass ich meinen Respekt und meine Wertschätzung verliere. Ich kann Dinge von anderen nicht gut finden, aber es geht nicht, dass ich einen Menschen pauschal verurteile.
Wenn ich bei mir bin, dann nehme ich Dinge, die andere tun, nicht persönlich. Im Gegenteil, ich bin den Menschen wohlgesonnen, habe eine wohlwollende, wertschätzende Grundhaltung. Ich kann hinterfragen, warum derjenige sich so verhält und auch wenn ich es als falsch erachte, verurteile ich ihn nicht als Menschen, sondern kritisiere lediglich seine Taten.
Dirk wollte das nicht hören, er wollte alle Schuld auf die anderen abschieben - die waren blöd, die machten alles falsch und er hasste das. Auf meine Frage, wo er in der ganzen Geschichte eigentlich sei, was seine Verantwortung, was sein Beitrag außer Schimpfen sei, sagte er nichts. Auf meine Frage, ob er mal überlegt habe, warum die anderen sich so verhalten, antwortete er auch nicht...klar, ist ja auch leichter, darüber zu schimpfen anstatt zu schauen, warum ich mich darüber so aufrege.
Die gute Nachricht, ist, dass er aufhörte so zu sprechen. Ich merkte, dass er begann, auf seine Wortwahl zu achten, "hassen" kam in dem ganzen Gespräch nicht mehr vor und ich freute mich, nicht mehr seiner negativen Energie ausgesetzt zu sein.
Als wir uns trennten, schien er auch etwas entspannter. Seit einer Stunde nicht gehasst, geschimpft, verurteilt. Das ist doch wie Urlaub von der Aggressivität. Und fühlte sich offensichtlich besser an. Für uns beide. Für ihn als Sprecher, für mich als Gesprächspartnerin.
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