Hinterher habe ich ihr das auch gesagt. Als ich ging, sagte ich, dass ich sie viel lieber so offen erlebe als mit dem Pokerface.
Problem ist bei dem Pokerface, dass ich bei einigen in meiner Umgebung beobachte, dass man nicht richtig in Kontakt kommt. Es kann keine Beziehung entstehen, wenn diese einseitig ist, es braucht Offenheit von beiden. Das heisst nicht, dass mir das Herz auf der Zunge liegen muss und ich alles erzähle, was mich gerade berührt und beschäftigt, aber es heisst schon, dass ich dem anderen über mich erzähle und ein gewisses Maß an Offenheit zeige. Vor allem, wenn ich den Anderen ausfrage, das fühlt sich nur gut an, wenn ich auch über mich erzähle.
Oft ist dieses Verschlossen-ein Selbstschutz: wenn ich von mir ablenke, dann kann ich nicht verletzt werden, wenn die anderen nicht soviel über mich wissen, bin ich nicht angreifbar. Es gibt viele Gründe, eine Fassade um mich herum aufzubauen. Aber: so eine Wand tut nicht gut, weil ich dann alles in mich hineinfresse - es belastet dadurch noch nachhaltiger und kann tatsächlich Depressionen auslösen. Zum anderen verhindert dieses Verschlossen-Sein tiefe Beziehungen, denn durch diese Fassade schlüpft keine Vertrautheit, keine Verbundenheit - die Beziehung stagniert, außer einer bohrt und bemüht sich Nähe herzustellen, in dem er nachfragt und nachbohrt - ich verstehe unter Freundschaft allerdings etwas anderes, vor allem nicht so etwas Anstrengendes.
Was kann denn passieren, wenn ich offen über mich spreche? Ich gebe etwas von mir preis, ja, aber ich beziehe damit Position und stehe für etwas ein. Wer mir das vorwirft, dem kann ich immer sagen, dass es meine Meinung oder Haltung ist - wer hat das Recht, das zu beurteilen oder gar zu kritisieren? Niemand. Jeder kann eine andere Meinung haben, und jeder soll auch dem Anderen seine lassen.
Offenheit heisst auch, Gefühle zu zeigen - da haben viele Angst vor. Aber bin ich wirklich angreifbar wenn ich Angst, Traurigkeit oder Wut zeige? Bin ich nicht viel stärker wenn ich zeige, wie es in mir aussieht anstatt die Starke zu spielen? Ich denke mir immer, wie ich mich verhalten würde, wenn ich jemand anderes ängstlich oder traurig erleben würde. Ich hätte Mitgefühl, würde versuchen zu unterstützen - ganz bestimmt würde ich den Anderen nicht als schwach bezeichnen. Das hilft mir, meine Gefühle zu zeigen, denn ich habe für mich gemerkt, dass es mir gut tut, wie mir meine Freunde dann beistehen - und das können sie nur, wenn ich ihnen die Chance dazu gebe, indem ich sage, wie es mir geht. Und ich habe gelernt, dass es unfair ist, meinen Freunden nicht zu zeigen, wie es in mir aussieht, denn das ist wie das Vorspielen falscher Tatsachen. Und das kann ich bei Fremden machen, denn die geht es tatsächlich nichts an, wie es in meinem Innersten aussieht. Meine Freunde haben das nicht verdient.
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