Samstag, 7. November 2009

Pokerface, nein danke oder : Die Vorzüge der Offenheit

Heute hatte ich Besuch von einer lieben Freundin, die ich lange nicht gesehen habe, weil sie vor 2 Jahren weggezogen ist und nur ab und an am Wochenende zurückkommt. Wir kennen uns seit über 10 Jahren, haben diverse Männer, die kamen und wieder gingen, Jobwechsel, Kinder und andere Ereignisse gemeinsam erlebt. Wenn wir uns sehen ist es toll, denn Auge in Auge zusammen zu sitzen ist natürlich schöner als zu skypen oder Mails zu schreiben. Aber wie fast immer, wenn wir uns sehen, ist mir auch dieses Mal etwas aufgefallen, was jede unserer Begegnungen schwierig macht. Für eine bestimmte Zeit auf jeden Fall. Was ist passiert? Wenn wir uns treffen, herrscht zwischen uns zuerst eine Beziehung als wenn sich 2 Geschäftsleute treffen. Sie begrüßt mich mit Floskeln, die ich sonst nur aus dem Business kenne, so dass es mir auf der Zunge liegt zu sagen, hallo Schatzi, ich bin es, Deine Freundin! Dann fragt sie mich aus, und das ist ja eigentlich auch ok. Jede erzählt, wie es ihr so ergangen ist, wo sie gerade steht...Problem ist nur, dass ich erzähle, sie fragt und ich merke, dass ihre Fragen ein bewusstes Ablenken von ihr selbst sind. Ich erzähle gern von mir, schließlich kann ich aus der Reaktion darauf Inspiration, Unterstützung, Trost, Motivation oder was auch immer für mich ziehen. Aber, wenn ich merke, ich und meine Geschichten sind Mittel zum Zweck um den Nachmittag zu gestalten und bloß nicht auf ihre persönlichen Geschichten zu kommen, dann macht es mir keinen Spaß von mir zu erzählen. Ich unterbreche sie dann irgendwann und frage zurück, wie es ihr ergangen ist - und dann erzählt sie auch, alles ist gut. Schade nur, wenn wir dann nicht mehr viel Zeit haben, dann sind wir gar nicht richtig in Kontakt gekommen, weil unsere Kommunikation einseitig und nicht wechselseitig war. Ich fühle mich auseinander genommen und seziert, gehe unzufrieden aus dem Treffen raus und nehme mir vor, das beim nächsten Mal anzusprechen. Und das habe ich heute getan, es ging los wie immer und ich habe dieses Mal nichts von mir erzählt, habe einfach gesagt, "Du, nichts Neues passiert", kurzes Update zu den Kindern, und dann habe ich den Ball zurückgespielt. Und bei Dir? Sie hat dann tatsächlich noch ein paar oberflächliche Schleifen gedreht, aber ich habe nicht locker gelassen und wir haben es geschafft: Wir haben ein freundschaftliches Gespräch geführt, in der jede ihre Gefühle offenbart und die Andere teilhaben lässt, wir haben uns ausgetauscht. Das war toll, das war vertraut, das war eng. Und vor allem: Ich fühlte mich ernst genommen und nicht interviewt, ich war echte Freundin.
Hinterher habe ich ihr das auch gesagt. Als ich ging, sagte ich, dass ich sie viel lieber so offen erlebe als mit dem Pokerface.

Problem ist bei dem Pokerface, dass ich bei einigen in meiner Umgebung beobachte, dass man nicht richtig in Kontakt kommt. Es kann keine Beziehung entstehen, wenn diese einseitig ist, es braucht Offenheit von beiden. Das heisst nicht, dass mir das Herz auf der Zunge liegen muss und ich alles erzähle, was mich gerade berührt und beschäftigt, aber es heisst schon, dass ich dem anderen über mich erzähle und ein gewisses Maß an Offenheit zeige. Vor allem, wenn ich den Anderen ausfrage, das fühlt sich nur gut an, wenn ich auch über mich erzähle.

Oft ist dieses Verschlossen-ein Selbstschutz: wenn ich von mir ablenke, dann kann ich nicht verletzt werden, wenn die anderen nicht soviel über mich wissen, bin ich nicht angreifbar. Es gibt viele Gründe, eine Fassade um mich herum aufzubauen. Aber: so eine Wand tut nicht gut, weil ich dann alles in mich hineinfresse - es belastet dadurch noch nachhaltiger und kann tatsächlich Depressionen auslösen. Zum anderen verhindert dieses Verschlossen-Sein tiefe Beziehungen, denn durch diese Fassade schlüpft keine Vertrautheit, keine Verbundenheit - die Beziehung stagniert, außer einer bohrt und bemüht sich Nähe herzustellen, in dem er nachfragt und nachbohrt - ich verstehe unter Freundschaft allerdings etwas anderes, vor allem nicht so etwas Anstrengendes.

Was kann denn passieren, wenn ich offen über mich spreche? Ich gebe etwas von mir preis, ja, aber ich beziehe damit Position und stehe für etwas ein. Wer mir das vorwirft, dem kann ich immer sagen, dass es meine Meinung oder Haltung ist - wer hat das Recht, das zu beurteilen oder gar zu kritisieren? Niemand. Jeder kann eine andere Meinung haben, und jeder soll auch dem Anderen seine lassen.
Offenheit heisst auch, Gefühle zu zeigen - da haben viele Angst vor. Aber bin ich wirklich angreifbar wenn ich Angst, Traurigkeit oder Wut zeige? Bin ich nicht viel stärker wenn ich zeige, wie es in mir aussieht anstatt die Starke zu spielen? Ich denke mir immer, wie ich mich verhalten würde, wenn ich jemand anderes ängstlich oder traurig erleben würde. Ich hätte Mitgefühl, würde versuchen zu unterstützen - ganz bestimmt würde ich den Anderen nicht als schwach bezeichnen. Das hilft mir, meine Gefühle zu zeigen, denn ich habe für mich gemerkt, dass es mir gut tut, wie mir meine Freunde dann beistehen - und das können sie nur, wenn ich ihnen die Chance dazu gebe, indem ich sage, wie es mir geht. Und ich habe gelernt, dass es unfair ist, meinen Freunden nicht zu zeigen, wie es in mir aussieht, denn das ist wie das Vorspielen falscher Tatsachen. Und das kann ich bei Fremden machen, denn die geht es tatsächlich nichts an, wie es in meinem Innersten aussieht. Meine Freunde haben das nicht verdient.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen