Mittwoch, 18. November 2009

Gut gemeint ist schlecht behandelt.

Es regnet, ich bin zu faul rauszugehen, weil es zu ungemütlich und hier mit Tee einfach schöner ist. Heute morgen habe ich mich mit meinem ehemaligen Kollegen Falk getroffen, er hatte ein Problem im Job und wollte meine Meinung dazu hören. Na, ich glaube, danach hätte er das gern revidiert, aber da war es zu spät.

Er hat einen Kollegen, der sich sehr für seine Kunden einsetzt: Er macht Überstunden, damit die Arbeit noch fertigt wird, er fährt auch extra noch mal in die Druckerei, um zu schauen, ob die Produktion richtig läuft - kurz, er macht einiges über seine Aufgaben hinaus, was er gar nicht tun müsste. In letzter Zeit fiel Falk auf, dass sein Kollege ziemlich müde und fertig ist, mittags ging er nicht mehr mit essen, sondern zog es vor, allein im Büro zu bleiben und sich auszuruhen. Falk schob das alles auf die Mehrarbeit und sprach ihn irgendwann darauf an.

Bis dahin fand ich das ok, aber der Kollege hat wohl sehr abweisend reagiert, wollte gar nicht mit Falk darüber sprechen und beendete entsprechend nach kurzer Zeit die Unterhaltung. Falk fühlte sich vor den Kopf gestossen, war verärgert und sagte zu mir: "Ich habe es doch nur gut gemeint, aber wenn er nicht will...."

Da horchte ich auf, denn gut-meinen kann riskant sein. Gut-meinen ist ein No Go, denn was vermeintlich positiv für den anderen gedacht ist, ist in Wirklichkeit doch eine Entmündigung, ein Nicht-ernst-nehmen und auch ein dem anderen Nicht-zutrauen für sich selbst zu sorgen.

Warum? Wenn Falk seinen Kollegen gefragt hätte, ob er sich überarbeitet und verausgabt, weil er sehr erschöpft wirkt, dann wäre das ok und gut gewesen. Der Kollege hätte darauf eingehen können, wenn er gewollt hätte. Falk hat aber scheinbar ohne zu fragen gesagt, dass der Kollege sich so, wie er arbeitet, offensichtlich überfordern würde und er unbedingt kürzer treten müsse, wenn er noch ein paar Jahre durchhalten wolle. Ich verstehe Falk, klar "meinte er es gut", aber er stellt sich mit so einer Aussage über seinen Kollegen: Er weiss wie man richtig arbeitet und sich nicht überfordert und teilt das ungefragt mit. Damit fühlt sich der Kollege übergangen, nicht ernst genommen und bevormundet - obwohl es vermeintlich nur gut gemeint war.

Wenn ich dem anderen Gutes tun will, dann bleibe ich bei mir, sage was mir auffällt und frage ob das stimmt - mehr nicht. Mein Gegenüber ist in der Regel erwachsen genug, um dann um Hilfe zu bitten oder um einen Rat, wenn er das nicht tut, dann darf ich ihm meinen Rat auch nicht aufdrängen, auch wenn ich glaube, es besser zu wissen. Das bedeutet Respekt und Wertschätzung meines Gegenübers, das lässt dem anderen die Wahl, nur so wird er nicht überfahren.

Das war für Falk eine harte Nuss, aber er hat es dann verstanden - und ich glaube, so schnell wird er es nicht mehr gut meinen mit jemand.





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