Iris war total überrascht. So hatte sie mich noch nie gesehen, sagte auch, dass sie immer gedacht habe, dass ich nie laut werden würde, weil ich immer so nett und entspannt wirken würde. Klar, draußen gibt es ja auch nicht soviel Gründe mich so aufzuregen, aber zum Nachdenken brachte mich ihr Satz trotzdem.
Wie verhalte ich mich denn "draußen" außerhalb der 4 Wände und wie innerhalb?
Lasse ich mich zuhause gehen, nehme ich mich draußen zusammen? Bin ich mit Freunden vorsichtiger, wenn mir etwas nicht passt, als mit meinen Lieben? Behandele ich Freunde besser und respektvoller als meine Lieben?
Ja. Es traf mich, zugeben zu müssen, dass ich die, die ich am meisten liebe, am schlechtesten behandele. Klar, wir sind vertraut, da kann ich mich auch mal gehen lassen - aber das heisst ja nicht, dass ich mit ihnen Kontroversen grundsätzlich anders austragen muss als mit Menschen, die mir nicht so nahe stehen.
Warum kann ich meinen Lieben gegenüber nicht genauso respektvoll bleiben, wie ich es mit Menschen tue, die mir nicht so nahe stehen?
Es gibt keinen erklärbaren Grund, im Gegenteil, ich sollte zu meinen Liebsten mindestens so wertschätzend sein wie zu allen anderen draußen, denn sie sind meine Basis, mein Leben, meine Liebe.
Und noch was brachte mich zum Nachdenken: welches ist denn mein wahres Ich, das Nette draußen oder die Frau mit den vielen Gesichtern drinnen? Spiele ich draußen eine Rolle, damit ich akzeptiert werde (und mein Bild aufrecht erhalte) während ich drinnen, dort, wo ich mich vermeintlich sicher fühle, so bin wie ich wirklich bin?
Bin ich wirklich so? Was ist denn meins?
Ich bin wahrscheinlich beides. Aber dann möchte ich es auch leben. Drinnen und draußen.
Authentizität soll meins sein und deshalb werde ich jetzt darauf achten, dass ich zu meinen Lieben mindestens so respektvoll bin wie zu meinen Freunden und dass ich umgekehrt draußen aber auch zeige, wie es wirklich in mir aussieht.
Na, da werden einige überrascht sein....
Stimmt, meistens bist du vorbildlich ausgeglichen, reflektiert und optimistisch - das ist wohltuend für jeden, der mit dir zusammen ist, auch für mich - sehr. Ich liebe dich als meinen verlässlichen Positiv-Pol, aber noch viel mehr liebe ich dich für deine vielen, ganz menschlichen Seiten: du kannst wütend sein, agressiv, verzagt, missmutig aber auch albern, kindlich und süß. Kurzum: bleib so! Alles andere würde mich total verschrecken, denn nur so kann ich auch alle meine Facetten bei dir zeigen, ohne mich klein zu fühlen.
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